Im Fluss sein

Heute mal umgekehrt. Normalerweise kommt der Titel des Blogs ganz zum Schluss.  Diesmal kamen mir diese drei Worte in den Sinn und ich nahm mir vor einen Beitrag dazu zu verfassen.

Lange hab ich nicht mehr geschrieben, lange hab ich überlegt, ob ich jetzt nach dem Pilgern überhaupt noch Blog schreiben soll. Interessieren sich Leute für einen Blog, mit Beiträgen aus meinem Leben gegriffen? Beiträge aus dem Leben, abseits verrückter Abenteuer und tiefsinniger Eingebungen, die sich unterwegs ereigneten? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber mein Leben war nie langweilig und war es auch seitdem ich nachhause kam zu keiner Sekunde. Das Abenteuer geht immer weiter, wenn auch zuhause im Alltag…Jeden Tag lerne ich neues dazu, wachse an meinen Herausforderungen und erlebe kleine und große Abenteuer.

Der Jakobsweg ist ein Lebensweg, hab ich einmal geschrieben. Und so ist es auch. Wir sind zuhause, doch trotzdem pilgern wir. Immer, jeden Tag, durchs Leben. Mit einem gewissen Endziel, von dem wir nie wissen, wann wir dort ankommen.

Also, warum sollte ich keinen Blog weiterschreiben. Zu schreiben, gibt’s genug und Spaß macht es mir auch.

___________________________________________________________________

So was ist nun eigentlich der Unterschied zum Pilgern unterwegs am Camino? Was ist alles zuhause anders?

Als erstes kommt mir da das warme Essen und das weiche Bett in den Sinn. Die Gewissheit ein Dach über den Kopf zu haben. Das Wissen sich jeden Tag halbwegs ausgewogenes Essen leisten zu können und auch immer eine Möglichkeit zum Einkaufen da zu haben.  Ausgeschlafen sein. Sicherheit. Komfort. Wärme.

Das eingesperrt fühlen. Das Sehnen nach Freiheit. Das zu wenig Bewegung machen, aber es sich jeden Tag vornehmen. Arbeit. Bürokratie. Zu viel Zeit vor dem Computer und am Handy.  Social Media. Sich überreizt fühlen und gleichzeitig gelangweilt. Unterschiede gibt es viele. Doch mir wird mehr und mehr bewusst, dass es nicht so sein muss. Vielleicht ist es an der Zeit mich nicht nur in Worten, sondern auch ganz tief drin, ganz bewusst auch im Alltag dem Leben zu öffnen.

Ich bin frei. Wir alle sind frei. Niemand sperrt uns ein, außer wir selbst. In den meisten Fällen zumindest… Gesundheitsthematiken und Haft mal davon ausgenommen. Aber eigentlich…selbst dann. Wir sind frei im Denken, wie wir die Welt wahrnehmen, in unseren Träumen. Wie wir die Tage, mit den uns gegebenen Voraussetzungen leben. Niemand kann uns das nehmen. Außer wir selbst. Das wurde schon unzählige Male in verschiedenen Worten ähnlich niedergeschrieben. Viele bekannte Lieder gibt’s davon.

Trotzdem vergessen wir es wieder und wieder. Trotzdem haben so viele Menschen große Schwierigkeiten damit. Trotzdem sperren wir uns wieder und wieder ein. Es klingt halt auch einfacher, als es ist.  Oder, wir machen es uns schwieriger, als es sein muss. Wie geht das nun mit der Freiheit? Wie kann ich mein Leben im Alltag ändern, um ähnliche Gefühle, wie unterwegs am Camino zu erzeugen?

Wo ist die Bedienungsanleitung dazu?

Wie mach ich mein Leben, zu meinem Camino?

Ich denke, genau hier liegt die Schwierigkeit.

Es gibt keine Bedienungsanleitung. Das Leben ist schon der Camino.

Es ist die Betrachtungsweise.

___________________________________________________________________

Auch beim Pilgern fand ich es erstmal sehr schwer mich frei zu fühlen. Es dauerte bis dieses Gefühl sich einstellte. Zu Beginn meines Caminos fühlte ich mich auch gar nicht wie ein Pilger. Ich hatte zudem große Schwierigkeiten damit nicht andauernd ans Ziel, was ich erreichen wollte und an den Abend zu denken. Zu genießen und einfach zu sein. Mich dem Fluss hinzugeben. Diese Schwierigkeit begleitete mich den ganzen Jakobsweg hindurch. Ich lernte und es wurde viel besser. Ich konnte loslassen. Fühlte Freiheit, wie ich sie davor nicht kannte. Doch trotzdem war es ein zentrales Leitthema.

Und so ist es auch im Leben. Es steht uns frei, ob wir vertrauen wollen und uns dem Fluss hingeben. Ob wir uns auf den Moment fokussieren, oder ob wir in Gedanken irgendwo in der Zukunft sind. Ob wir unserem Herzen folgen, oder nicht. Ob, wir manchmal innehalten und einfach zulassen, was ist. Wir haben verlernt frei zu sein. Aber es steht uns frei, es wieder zu lernen.

___________________________________________________________________

Es gibt Dinge, die zum Alltagsleben dazugehören und denen wir uns verpflichten, da wir genug Geld für ein weiches Bett, Essen, Wärme und ein Dach über dem Kopf möchten. Es gibt Dinge, die uns höchst unangenehm sind und die wir trotzdem tagtäglich machen. Weil das nicht machen Konsequenzen hätte.

Die gab es auch beim Wandern am Camino. Platz zum Schlafen suchen. Einkaufen. Trinken organisieren. Zeugs über Stock und Stein schleppen. Wandern, auch wenn das Wetter tagelangen Regen beinhaltete, alles nass war und ich mich einfach nur für ein paar Tage in der Wärme verkriechen wollte. Fremde Leute wegen Schlafgelegenheiten ansprechen.

Es gab Dinge, die waren unangenehm, aber nötig, um weiterzugehen. Die konnte ich nicht ändern, weil sie für mich, um den Camino zu gehen eine Voraussetzung waren.  Auch das Endziel und die grobe Richtung war vorgegeben und fixer Teil des Jakobsweges.

Ich hatte mich dazu entschieden den Camino zu gehen. Auch die genaue Route, das Tempo und die Pausen, die bestimmte ich selbst. Das gab mir Freiheit. Ich lernte meinem Herzen zu folgen und wusste ich geh meinen ganz eigenen Weg.  Es fühlte sich richtig an. Niemand zwingte mir unterwegs Wege auf, die ich nicht gehen wollte. Von Wetter und Flut mal abgesehen. Äußere Faktoren gibt’s immer, die sind nicht zu vermeiden. Wie wir damit umgehen, liegt aber an uns.  Jeder erlebt den Camino anders, es ist ganz individuell, auch wenn die Richtung und die Hauptwege, immer die gleichen sind.

Und so ists auch im Leben. Unangenehmes zu tun, gibt es immer wieder. Wenn wir gewisse Konsequenzen vermeiden wollen. Aber niemand zwingt uns dazu. Unerwartete Hürden und Komplikationen auf unserem Weg gehören ebenso zum Leben dazu. Niemand zwingt uns aber auf, wie wir damit umgehen.

Wir können uns ganz bewusst für unseren Lebensweg entscheiden. Auch welche Routen wir wählen, steht uns frei. Wir entscheiden, ob wir unserem Herzen folgen wollen, oder nicht. Ob wir den Idealen anderer folgen, oder unseren eigenen. Es ist unser eigener Wille. Der Weg ist unser eigener.

___________________________________________________________________

Oft ist unser Camino von Idealen und Vorstellungen unserer Mitmenschen überprägt. Von Erwartungen, die nicht unseren eigenen entsprechen. Manchmal wissen wir nicht mal, was unsere eigenen Ideen sind. Was wir wollen. Was es bedeutet unserem Herzen zu folgen. Und selbst wenn, einfach so die Route anzupassen, scheint auch oft unmöglich. Änderungen haben Konsequenzen. Und diese können für uns nicht tragbar sein.  Die Hauptrichtung unseres Weges können wir sowieso auch nicht ändern. Es geht immer vorwärts, mit dem Endziel Tod.

Trotzdem sind wir nicht gefangen.

Wir können entscheiden Pausen einzulegen. Wir können zwischendurch durchatmen und den Moment achtsam wahrnehmen. Wir können bewusst die Zukunft loslassen und daran arbeiten das Hier und Jetzt zu genießen. Wir können uns Raum geben, für das was uns wichtig ist. Wir können uns erlauben Dinge zu tun, die uns Freude bereiten. Vielleicht ein bisschen erst und dann immer mehr. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, können wir die Entscheidungen treffen, die sich für uns richtig anfühlen.  Das Leben, unser Weg wird sich uns dementsprechend anpassen.

___________________________________________________________________

Das Endziel kennen wir. Wir werden früher, oder später dort ankommen. Wir müssen uns dafür nicht stressen. Wir sind dort, wenn es Zeit dafür ist.

Aber was Zwischendurch passiert, ist das eigentliche Abenteuer.

Es gibt viel zu entdecken, viel zu sehen und lernen.  Daheim. Im Alltag des Lebens. Ob, wir gerade durch das Industriegebiet des Lebens marschieren, oder an einer Blumenwiese vorgehen. Zu entdecken und erleben gibt es immer was. Beides ist Camino.

Wenn wir dann ab und an innehalten und bewusst wahrnehmen. Offen sind, für was auch immer für Eindrücke uns erwarten. Und bereit sind das Leben anzunehmen, wie es ist. Wenn wir uns erlauben zu wachsen und bewusst weiterzugehen, mit Raum für unsere eigenen Ideale. Dann folgen wir nicht nur unserem Camino, sondern öffnen uns auch dem Fluss des Lebens.

___________________________________________________________________

Und als ich das hier so schreibe, realisier ich, einen sehr ähnlichen Blogbeitrag, schrieb ich schonmal. In einem Zelt. Beim Pilgern.  Ähnliche Gedanken und Gefühle. Andere Umstände. Komplett anderes Umfeld. Viele neue Erfahrungen durfte ich seitdem sammeln. Vieles ist seitdem passiert. Und trotzdem sitze ich heute hier und mache mir wieder bewusst, was es heißt im Fluss zu sein.  Ein Kernthema des Lebens, am Camino und im Alltag.

Més entrades de blogs

Blocs